Deutsch LK – Marusczyk

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FABEL: Die Fabel ist eine Form gleichnishafter Rede […]. Bei der Fabel wird zwischen Bild- und Sachebene unterschieden. Die Gegebenheiten der Bildebene müssen auf die Sachebene (Realität) übertragen werden. Dies geschieht durch das Tertium Comparationis, das gemeinsame Dritte von Bild- und Sachebene.

„Du mußt noch viel lernen !“, das war unter den ganz jungen Schäfchen wohl eine der meistgehaßten Weisheiten aus dem riesigen Repertoire von Mama- und Papaschaf. So war es auch nicht verwunderlich, daß viele kleine Schäfchen oft mürrisch und schlecht gelaunt waren als sie eines Tages von Mama- und Papaschaf in die alte Ruine geschickt wurden. Dorthin mußten sie fünf mal in der Woche gehen und jedesmal warteten ganz alte, weise Pädagogenschafe auf sie, die ihnen viele, meistens langweilige Dinge erzählten. Der tiefere Sinn oder gar der spätere Verwendungszweck dieser Dinge blieb den kleinen Schäfchen meist verborgen; dennoch behaupteten sowohl Mama- und Papaschaf als auch die alten Schafe aus der Ruine felsenfest, sie seien später für irgendetwas gut. Und kaum hatten sich die kleinen Schäfchen damit abgefunden, folgte schon der nächste Schock, als sie plötzlich die Ruine wechseln mußten, gerade als sie sich ein wenig an die erste gewöhnt hatten. Zu allem Überfluß war diese dann auch noch häßlicher als die alte. Ein ganz neugieriges Schäfchen fragte einmal eins der alten, weisen Schafe aus der neuen Ruine, warum diese denn so häßlich und unfreundlich sei. Daraufhin begann das Pädagogenschaf ganz wild zu fluchen und behauptete, daß alles nur das Kultusschaf schuld sei, da es fände, daß Bildung eigentlich gar nicht so wichtig sei und lieber von den Steuergeldern Golfen ginge. Dann ging das Fluchen in ein hektisches Murmeln über, wovon das neugierige Schäfchen allerdings nicht mehr viel verstand. Alles, was es noch verstehen konnte, war daß dies angeblich ein prima Beweis für die Disparitätstheorie sei, doch davon verstand das kleine Schäfchen nichts. Damit hatte es aber auch kein Problem, denn es war immer noch stolz darauf, daß es das Prinzip der Multiplikation verstanden hatte. Dann wurde es weggeschickt, angeblich mußte das alte Schaf Blutdruck messen, doch das hielt das kleine, neugierige Schäfchen für eine Ausrede.

Die kleinen Schäfchen wurden älter und schließlich wurden aus ihnen richtige Schafe. Das war der Zeitpunkt, an dem sie sich entscheiden mußten, welche Aktivität in der Ruine (die ihnen mittlerweile gar nicht mehr so schrecklich erschien) sie besonders intensiv verfolgen wollten. Eine recht große Gruppe von Schafen entschied sich für die Mutterschaf– Sprache. Sie bekamen ein neues Pädagogenschaf zugewiesen, welches den Mutterschaf-Sprach-Workshop leitete. Viele Schäfchen waren über diesen Pädagogenschafswechsel sehr glücklich, besonders diejenigen, die vorher ein ganz besonders widerwärtiges Pädagogenschaf als Mutterschaf-Sprach-Workshopsleiter hatten. Dieses hatte aufgrund von Inkompetenz und schlechten Witzen viel weniger Heu bekommen als andere Pädagogenschafe und mußte daher aus dieser verzweifelten Lage heraus die frisch erbeuteten Popel aus der eigenen Hakennase essen. Doch manchmal hatte es keinen Hunger mehr und so kam es vor, daß es den einen oder anderen Popel ins Auditorium schleuderte.

Das neue Pädagogenschaf hingegen war ganz anders. Es war nicht nur nett und auch fair, es war außerdem sehr weise, was man schon von weitem sehen konnte: während sich manche frühreife Schäfchen ihrer Flaumbärtchen rühmten, hatte das alte Pädagogenschaf schon einen richtigen Rauschebart. Zudem war es sehr sportlich, fast immer kam es mit Turnhufen zur Ruine. Außerdem konnte es prima Gitarre spielen und wenn es nicht gerade in der Ruine war, zog es mit den Erkrather Stadtmusikanten umher und trällerte hier und dort ein Liedchen. Den Lehrauftrag, den es vom ranghöchsten Pädagogenschaf bekommen hatte, verfolgte es zunächst sehr engagiert. Jedoch kam es mit der Zeit mehr und mehr vom rechten Weg ab und ließ sich mit zunehmender Häufigkeit beschwatzen, so daß statt der Verfolgung des Lehrauftrags das Sichern des leiblichen Wohls in Angriff genommen wurde. Als sehr geeignet erwies sich dabei die 50 Pfennig-Taktik: zwei besonders hungrige Schäfchen sammelten in der 5-Minuten-Pause von jedem Schäfchen 50 Pfennige ein, zogen wild entschlossen los und erreichten wenig später den nahegelegenen Discounter und deckten sich dort mit allem ein, was das Schafsherz begehrte. Zurück in der Ruine wurde es sich dann gemütlich gemacht, bei Milch und Keksen etwas geplaudert und die neuesten Gerüchte verbreitet. Dies sorgte für eine allzeit gute Atmosphäre, so daß sich eigentlich alle Schäfchen aus dem Mutterschaf-Sprach-Workshop gut verstanden und auch das Verhältnis der Schäfchen zum Pädagogenschaf immer sehr gut gewesen ist, was gar nicht so selbstverständlich war. Denn es gab fleißige und faule, stille und recht extrovertierte, pünktliche und überhaupt nicht pünktliche Schäfchen. Doch allzeit freundlich wie das Pädagogenschaf war, ließ es sich bei Verspätungen der Schäfchen eigentlich immer mit so plumpen Ausreden wie „Man hat mich auf dem Klo eingesperrt !“ oder „Mein Meerschweinchen hat die Axt von meinem Skelettor gefressen, da mußte ich schleunigst mit ihm ins Hospital !“ oder auch abgedroschenen Ausflüchten wie „Die Sparkasse wurde überfallen, da mußte ich mit aufs Revier um eine Zeugenaussage zu machen !“ abspeisen und sah recht großzügig darüber hinweg.

Eines Tages, das Pädagogenschaf hatte erkannt, daß es dabei war, an der Erfüllung des Lehrauftrages zu scheitern, holte es sich zur Verstärkung ein zweites, etwas jüngeres Pädagogenschaf. Dieses sorgte bei den Schäfchen für helle Aufregung, denn es hatte einen ganz schönen Knackarsch. Doch diese Aufregung– die Schäfchen waren mittlerweile schon recht reif geworden- legte sich rasch wieder und als sich auch das junge Pädagogenschaf als sehr nett erwies, war die freundliche Atmosphäre des Mutterschaf-Sprach-Workshops gesichert. Nachdem sich das junge Pädagogenschaf bei einer Wanderung durch das unglaubliche Gespür, den richtigen Weg zielstrebig zu verfehlen (wofür man es jedoch nicht ganz alleine verantwortlich machen kann; vielleicht hing es auch mit der Anwesenheit eines ganz bestimmten Schäfchens zusammen ?!), für immer im Gedächtnis der Schäfchen verewigte, mußte dieses den Workshop leider verlassen und das alte Pädagogenschaf durfte wieder ran.

Nun wurde es ernst, die Reifeprüfung für die Schäfchen stand an. Damit ließ sich auch die Verbissenheit erklären, mit der sich das Pädagogenschaf von nun an der Durchführung von Arbeitsfrühstücken zu widersetzen versuchte. Leider hatte es viel zu oft Erfolg damit, so daß die Arbeitsfrühstücksquote bedenklich in den Keller rutschte. Allerdings sahen eigentlich alle Schäfchen ein, daß sie im Endeffekt von der Vorbereitung profitierten, so daß dem Pädagogenschaf eigentlich niemand böse war. Wie leider nicht anders zu erwarten, war irgendwann der allerletzte Tag in der Ruine gekommen. So manches Schäfchen sah man zusammengekauert in einer Ecke sitzen, in nostalgischer Kontemplation oder auch nur sturzbetrunken, doch die meisten feierten fröhlich und ausgelassen den Abschied von der Ruine bis der Mittag hereinbrach.

Das ist die Geschichte der kleinen Schäfchen und wie bei jeder guten Fabel darf die Moral nicht fehlen. So manches Schäfchen hätte nun „Saufen, saufen, jeden Tag nur saufen!“ vorgeschlagen oder auch „Ficken für den Frieden!“. Doch wer kann schon sagen, wie die wahre Moral lautet? Vielleicht „Lemonierte Bitterbrause zwingt sofort zur Pinkelpause !“? Vielleicht liegt die historische Mission auch in der Sirupproduktion? Eins steht allerdings fest: Heut‘ ist nicht aller Tage, wir seh’n uns wieder, keine Frage!

Christian Spaan

Lehrerartikel

Der Deutsch-Leistungskurs wird mir mit vielen herzerfrischenden Momenten in Erinnerung bleiben (Wegen der gebotenen Kürze sei nur an zwei gedacht, an die spaannenden Entschuldigungen eines Schülers beim häufigen Zuspätkommen sowie an das durch und durch ansteckende Lachen – schön, wie’s‘n erklang – einer Schülerin.)

Klassik und Moderne, Goethe und Kafka, Interpretieren und produktives Erarbeiten von Texten, aber auch Frühstücken und Arbeiten, diese fruchtbare Gegensätzlichkeit ergab die Schwerpunkte unserer gemeinsamen Zeit. Hier soll sie sich ein letztes Mal widerspiegeln, deshalb – wie von einem Deutschlehrer nicht anders zu erwarten – zwei Texte, die mir bei der Erinnerung an die letzten zwei Jahre einfielen: ein Original (gekürzt) und eine Fälschung.

Aufgabe: Interpretation

ZUEIGNUNG

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.
Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden (…)

IN DER SCHULE

Wenn irgendein erschöpftes, überarbeitetes Leistungskursmitglied des Deutsch LK I in der Schule auf wackelndem Stuhl vor einer düster dreinschauenden Schülerriege vom unerbittlichen Lehrer jahrelang ohne Pause zur Sonstigen Mitarbeit angehalten würde, ständig die tiefgründigsten Aussagen zu Goethe und Co. ins Heft schreibend, den Körper voller Konzentration nach vorne beugend, und wenn diese Prozedur sich unter dem nicht enden wollenden Leistungsdruck durch das Abitur auf die sich nur schemenhaft zeigende Karriereleiter hinzubewegte, begleitet von ständigen Ermahnungen der Jahrgangsleiter, nicht zu spät zu kommen, nicht zu fehlen und alle Formulare und Entschuldigungen rechtzeitig abzugeben, Ermahnungen, die eigentlich Drohungen sind – vielleicht eilte dann ein mit aller Macht herbeigesehnter Engel die vielen Treppen und Gänge entlang, stürzte ins Klassenzimmer, rief das: Halt! durch die Geräuschkulisse des immerfort auf- und abschwellenden Unterrichtsgeschehens.

Da es aber nicht so ist; ein glücklicher Schüler, fleißig und begabt, sein Hausheft aufschlägt, sich überzeugend in Positur bringt, zum Sprechen ansetzt und die Blicke der Anwesenden auf sich zieht, der Kurslehrer voller Erwartung die Augenbrauen hebt, aufmerksam den Beginn des Vortrags erwartet, dieser mit rhetorischer Raffinesse auftrumpft und die Zuhörer über alle Maßen mit definitiven Wahrheiten über Goethe und Co. in Bann zieht, die Ergebnisse ohne Fehl und Tadel präsentiert, von den übrigen Kursteilnehmern daraufhin sachkundig kommentiert, vom Lehrer in den höchsten Tönen gelobt und mit der Prophezeiung einer glänzenden Zukunft in dieser so prächtig eingerichteten Arbeitswelt unserer Gesellschaft versehen werden – da dies so ist, legt der Engel das Gesicht an das neugeschaffene Mosaik im Flur und wie in einem leichten Anflug von Heiterkeit fragt er: Kenn‘ ich das nicht irgendwo her?

Marusczyk